Sinn und Sinne

Aufgelesen – Klappe!

Eisglatter Ausflug in ein schwieriges Thema

Heute werde ich die Neutralität mal kurz verlassen – meine männlichen Leser müssen jetzt echt stark sein! – Ich würde darüber nichts schreiben, wenn das nicht zu meinem Alltagserleben gehören würde. Siehe weiter unten. Es ist leider so. Nicht immer ganz so krass, oder doch? Sind wir nur gewohnt zu verdrängen, dass es so unterschiedlich sozialisierte Gruppen, nur aufgrund des Geschlechts gibt?

Getriggert. Von einem Buch

Vor kurzem habe ich über meinen Ausflug in die Bücherwelt berichtet und nun drängt es mich, zu erzählen, was mir da unter die Augen gekommen ist. Ein Taschenbuch mit pinkfarbenem Einband. Das alleine ist ja schon ein Statement. Vielleicht ist es mir nur deshalb in die Hände geraten. Schließlich war meine Brille so beschlagen, dass ich alles nur leicht benebelt sehen konnte. Obendrein noch mit einem frechen Titel versehen, der die schwarze Kleidung einer jungen Frau mit nach oben gedrehten Augen ziert.

Jetzt halt doch mal die Klappe,

Mann! Untertitel: Warum wir auf Mansplaining keinen Bock mehr haben. Der erste Satz war früher auf dem Spielplatz öfter zu hören oder ist üblich, wenn dich wieder partout jemand nicht ausreden lässt. Hätte ja lustig werden können, oder? War es dann nur ganz schwach. Weil mir das Lachen irgendwie im Hals stecken bleibt. Und weil der gesamte Text nicht aus der Unterhaltungsecke, sondern aus der ernsten Wissenschaft entstammt. Sehr auf Seriosität bedacht. Und damit für mich jedenfalls nur holprig zu lesen. Obwohl alles stimmt, soweit ich das verstehen kann. Es ist halt alles sehr kompliziert.

Klappentext

Aufgrund der eingeschränkten Sicht war ich bei der Buchauswahl nicht bis zum Klappentext vorgedrungen und ich weiß nicht, ob ich mich dafür entschieden hätte, wenn ich den gelesen hätte. Denn eigentlich suchte ich nach Lektüre, um mal kurz aus der gerade schwer verdaulichen Aktualität in leichte, lustige Welten mit Happy End abzutauchen.

Zitat:

„Die Poetry Slammerin erklärt, woher Mansplaining kommt, wie er unsere Gesellschaft beeinflusst und gibt Tipps, wie man dem Erklärungsdrang der Männer begegnen kann.“

Ehe ich es noch richtig kapiert habe, rutsche ich stattdessen in eine Welt, in der fast schon eine mir fremde Sprache verwendet wird. Wobei ich nicht den Anglizismus „Poetry Slammerin“ meine. Das ist eine aus dem Englischen übernommene Bezeichnung für „Bühnenpoetin“ – Fee Brembek trägt eigene Texte in Bühnenwettbewerben vor. Es ist aber feinstes Deutsch. Nur ein anderer Sprachgebrauch. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung einer Germanistin mit juristischer Präzision. 

 

Unfreiwilliger Beleg

 

Am Inhalt habe ich nichts auszusetzen. Wenn man die Sätze mehrmals langsam liest und über die Konsequenzen der Aussagen nachdenkt: Ja! Ich stimme zu. Alles sehr gut beobachtet, analysiert und festgehalten. Die Verfasserin hat das so beabsichtigt: um ernst genommen zu werden.  Leider genau deshalb wieder in dieser Rechtfertigungsfalle gegenüber selbsternannten oder geborenen „Experten“ gelandet.

 

Nichts für ein breites Publikum, oder unterschätze ich dieses?

 

Indem ich mich durch dieses Buch gearbeitet habe, habe ich viel gelernt und vieles ist mir noch einmal so richtig schmerzlich bewusst geworden. Jede Menge Vokabeln aus der „Gender“-Diskussion wie „Mansplaining“, „weiblich gelesen“ sind mir hier zum ersten Mal über den Weg gehoppelt. Ja, das gebe ich zu. 

Die Diskussion um die Geschlechterrollen und die Gleichberechtigung und gleiche Chancenverteilung ist dringend und wichtig und es ist unglaublich, wie weit wir da noch zurück in alten Privilegien (Vorrechten) hängen. 

Hilft das?

Aber so? Mhm. Einerseits ja – sachlich, wissenschaftlich, möglichst nicht widerlegbar – muss wohl sein. Auch sein. Aber ein großes Publikum und alle, die etwas ändern wollen oder denen es nützen könnte, wird dieses Buch nicht erreichen. Meine Idee: Und jetzt noch mal für Dumme wie mich, bitte!

 

Worum geht es eigentlich?

 

Gar nicht so einfach. Am besten erkläre ich zuerst „Mansplaining“. Habe ich auch erst nachschlagen müssen:

Was bedeutet Mansplaining?

Mansplaining bezeichnet die ungefragte Erklärung zu einer Thematik durch einen Mann gegenüber einer Frau.

Hintergrund dessen ist, dass der entsprechende Mann davon ausgeht, dass Frauen automatisch weniger wissen oder informiert sind.

Aus anfänglichen Dialogen zwischen beiden Geschlechtern entstehen geführte Monologe vonseiten des Mannes.

„Mansplaining“ setzt sich aus den englischen Wörtern „man“ für „Mann“ und „plain“ als kurze Form von „explain“ zusammen, was so viel wie „erklären“ bedeutet.

Die Autorin Fee Brembeck beziehungsweise die von ihr genannte Feministin Rebecca Solnit drückt das so aus:

“Eine männlich sozialisierte Person (nicht selten ein weißer, cisgender, heterosexueller und gut situierter Mann) erklärt einer weiblich gelesenen Person mit reichlich Selbstüberschätzung und auf herablassende Art etwas, das sie aufgrund ihrer Expertise oder Lebenserfahrung mindestens genauso gut oder besser weiß. Die erklärende Person tut dies aus dem Selbstverständnis heraus, Dinge zu wissen, zu können und generell ein spannender und hilfreicher Gesprächspartner zu sein.”

Bevor wir mit dem Finger aufeinander zeigen

Um das Ganze noch ein wenig komplizierter zu machen: natürlich ist dieses Verhalten nicht nur von Männern gegenüber Frauen zu beobachten. Man kann es mit ein wenig Fantasie auf alle Gesprächssituationen übertragen, in denen jemand „Privilegiertes“ (mit wirklichen oder eingebildeten Sonderrechten ausgestattet) sein Gegenüber „herabwürdigt“. Es ist daher durchaus sinnvoll, wenn wir alle diesem „Gefälle“ im Umgang von oben herab nach unten auf wen auch immer etwas mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität widmen.

Den eigenen „Raum“ einnehmen und Grenzüberschreitungen deutlich machen: Nicht leicht!

Ein Stück Feminismus steckt in mir drin und kommt selten raus, weil ich zu sicherheitsorientiert (feige) bin. Eigentlich ist es weniger Feminismus als der tiefe Wunsch nach Gleichberechtigung und Würde, für alle, die zur Gruppe Mensch gehören.  Zum Thema Würde habe ich mich bereits ausgelassen und komme bestimmt noch manches Mal darauf zurück.

Frauentag – Erlebnis

Zwei Tage später. Der 8. März, einer dieser „Welt-Feiertage“. Heute Tag der Frau. Also ein wenig Aufmerksamkeit für diese ist Ziel und Programm. Ich habe gar nicht daran gedacht. Doch zugegeben freue ich mich sehr über eine kleine Zugabe in der Apotheke: eine Nagelfeile aus Glas anlässlich des Frauentages. Und glaubt es oder nicht:

„Das ist Diskriminierung!“ tönt eine kräftige Männerstimme in meinem Rücken.

Durchatmen. Schweigen. 
Ganz kurz regt sich in mir der Impuls, ihm das Geschenk für die bedauernswerte Partnerin oder Mama (?) mit einem tröstenden Spruch in die Hand zu drücken oder doch das dazu gelegte Pröbchen für Wechseljahreshautpflege?

Jemand glaubt, nicht gehört worden zu sein: 

„Das ist Diskriminierung! Ich kriege wieder nichts“!

Nicht lustig! 

Sehr aufrecht, ohne die Person zu würdigen (echt fies von mir, nicht?), 
marschiere ich an ihr vorbei nach draußen. Verkneife mir (warum eigentlich?) ein:

Jetzt halt doch mal die Klappe, Mann!

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