Sinn und Sinne

Glitzer – Eine Masche legt los

Wie wird eigentlich eine Masche “geboren”?

Ursprünglich brauchte es dazu einen Faden und 1-2 Nadeln, je nach Technik. Maschen können aber auch “in der Retorte” entstehen, maschinell, irrsinnig schnell. 

Der Faden entstand früher ganz gemächlich, wuchs auf Schafen, Kamelen oder ganz vegan auf dem Feld. Die Tiere wurden geschoren, die Pflanzen gedroschen, um Fasern zu gewinnen. Dann wurde fleißig gehaspelt, gesponnen und gekämmt.

Je nach Ausgangsfaser, Ausdauer und Geschick wurde so erst grobe und dann immer dünnere Wolle gewonnen. 

Die feinsten natürlichen Fäden erzeugen Spinnen. Diese werden aber nicht verbreitet genutzt. Sie sind klebrig – und damit nicht fürs Maschenmachen geeignet. Derzeit versuchen Wissenschaftler, Wege zu finden, diese unglaublich leichten, dünnen und reißfesten Fädchen zu nutzen. 

Eine andere natürliche Fadenquelle sind die Kokons der Seidenraupe. Sie werden abgewickelt und dann mehrere davon zu einem vereinigt. Daraus entsteht ein glänzendes Garn, das sich in wunderbaren Farben einfärben lässt, die eine hohe Leuchtkraft haben.

Kunstfasern

Erfindungsreich und gewinnorientiert, wie die Menschen so sind, haben sie längst neue, schnellere Wege der Fadenproduktion mit synthetischen und maschinellen Verfahren entwickelt. 

“Unsere” Masche

Unsere Masche ist so eine, aus feinstem Glanzfaden, mit dünnsten, schnellen Haken maschinell verstrickt. Mit Millionen identischen Schwestern, rechts, links, oben und unten, akkurat verbunden. Das Ergebnis ist transparent, elastisch, eingefärbt, in Trendbeige-Tönen oder Modefarben. Dazu gedacht, Beine zu bedecken, zu wärmen oder in Szene zu setzen. 

Da sitzt sie nun, die Masche. Einzeln kaum erkennbar, erfüllt sie das ihr bestimmte Maschenleben. Das kann unterschiedlich herausfordernd und belastend oder anstrengend sein. Die meisten sehen eher selten Licht, werden unter Hosen und Röcken in Schuhen oder Stiefeln getragen. 

Selbständig

Dehnen, Reiben, Drücken, Scheuern: Unsere Masche beschließt, sich aus dem Einerlei ihres dunklen und undankbaren Schicksals zu lösen! Der nächste kratzende Ratscher über den scharfkantigen Reisverschluss: Genug! Schluss jetzt! Ich halte das nicht länger aus! Ping, ganz leise Ping. Der geduldige Faden reißt: die Masche startet ihren Lauf!

Eine kurze schnelle Reise

Ihre Nachbarinnen links und rechts verlieren den Halt, die oben ihren Grund. Sie selbst rauscht blitzschnell nach unten. Was der Strumpfhose ein erschrockenes ultraleises “sssss” entlockt. Und schon ist eine breite neue Straße ins Gestrick gebahnt. Die aufgelöste Masche rast aus ihrem Tunnel kurz ans Licht, nimmt die ungeahnte Welt in Knie bis Knöchelhöhe wahr, bevor sie in der Fußsohle endgültig verschwindet. 

Was für eine Wirkung!

Kurz war unsere unscheinbare Masche eine Sternschnuppe. Nein, viel mehr! Sie hat eine breite, dauerhafte, unübersehbare Spur gezogen, auf die die Umwelt mit Gefühlen (!) reagiert: Schreck, Schadenfreude, Ärger, Bedauern, Wut, Scham…

Und darüber hinaus: die ganze glanzvolle, elegante Strumpfhose ist nun nicht mehr in Ordnung. Sie ist nicht länger als makellose, dekorative Verpackung nützlich und höchstens noch als Poliertuch oder zum Ausstopfen weiter zu verwenden Wahrscheinlicher noch: reif für den Mülleimer. 

Wer hätte das gedacht. An einer einzigen, winzigen Masche hängt die ganze Schönheit, die ganze Funktion. 

Die “Macht” der Unscheinbaren

Auch, was man nicht sieht, kann so wichtig sein. Für das Ganze.

Auch wenn man nur eine Masche unter Tausenden ist: Wichtig für das Ganze. 

Und falls man im falschen Muster hängt: doch da geht was!

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